Die Flucht aus Karnitz -

Erinnerungen meiner Großmutter Ruth von Elbe-Carnitz (1912 - 2002)

Ruth von Elbe-Carnitz verließ als letzte Gutsherrin Karnitz im Frühjahr 1945 durch Flucht vor den Russen – Der Karnitzer Gutstreck erreicht nach ca. 4 Wochen geschlossen Hohenweststedt in Holstein

Nun merkte man doch schon die Nähe des Krieges, nicht nur, daß man bei klarem Wetter in großer Höhe die feindlichen Flugzeuge im Verband fliegen sah. Die ersten Trecks kamen im Okt./November 1944 aus Ostpreußen. Das Elend war unendlich groß, viele Treckwagen kamen auf unseren Hof, meistens gelenkt von einer Frau, da die Männer eingezogen waren und oft nur noch mit einem Pferd.

Jeden Morgen fuhren dann alle weiter, so gut es ging und es dauerte nicht lange, dann standen neue Treckwagen auf dem Hof.

Nun kam der 4. März 1945, der mit unvergeßlich bleiben würde. Unser Kreisleiter Herr Ohm aus Treptow rief mich nachts an, und sagte mir, daß wir uns auf den Weg machen sollten in Richtung Swinemünde, aber auf keinen Fall die Chaussee nach Cammin nehmen, sondern durch unseren Wald über Justin etc. Ich klingelte meine Hausmädchen runter und schickte sie zu den Häusern unserer Arbeiter mit der Order, die Männer sollten zu mir auf den Hof kommen. Als alle versammelt waren, hielt ich allen eine kurze Rede und teilte ihnen mit, daß ich mit meiner Familie Karnitz verlassen wollte. Ich sagte ihnen, daß ich 22 Wagen mit 45 Pferden für all meine Familien eingeteilt hätte, ich würde auch 10 Russen als Fahrer mitnehmen und nun sollten sie mir sagen, ob sie sich mir anvertrauen wollten und gemeinsam gen Westen in’s Ungewisse mit mir trecken wollten. Der Russe stand 17 km hinter uns. Seit November 44 hatten meine Leute jeden Tag die Elendstrecks, welche auf unseren Hof kamen, erlebt.

Zuerst war Stillschweigen, keiner sagte etwas, doch dann trat Gabby (sein Name), unser 2. Stellmacher vor die Leute und sagte: „wo unsere Gnädige Frau hingeht, da kommen wir mit.“ Ja, sagte ich dann, das ist sehr gut, geht jetzt nach Hause und sagten euren Frauen, wie die Lage ist und das Notwendigste soll mitgenommen werden, z.B. Betten, Eßsachen und Dokumente. Ich selbst hatte alle Wagen eingeteilt und gab die Liste dem Hofmeister und die anderen dem Vorarbeiter. Treffpunkt sollte gegen 19:00 an der Kirche sein. Als ich mit unserem Wagen kam, ich hatte einen französischen Kriegsgefangenen, Gilbert, als Fahrer, waren schon viele Wagen dort. Unseren Beamten, Herrn Löchelt, hatte ich Order gegeben, festzustellen, ob alles wie geplant abgelaufen war. Die Wagen wurden x-mal gezählt, ja es fehlte ein Wagen.

Wie mir ein Russe bald erzählte haben sich die restlichen 40 Russen den 22. Wagen genommen und sind damit verschwunden. Wir hatten ja zum Arbeitseinsatz ständig 50 russ. Kriegsgefangene. Es war überall bekannt, daß ein Russe, welcher in Gefangenschaft geraten ist, niemals lebend in die Heimat kommen darf, falls es doch paßierte, wurde er in der Heimat erschossen.

Es waren ja fast immer nur die älteren Menschen und Kleinstkinder auf den Wagen, die meisten Leute mußten nebenher zu Fuß gehen.

Nun zu unserem Treck, wir hatten 8 Kinder unter 3 Jahre, 31 Kinder bis 10 Jahre und außerdem eine hochschwangere Frau, welche dann glücklich in Greifswald ein Mädchen zur Welt brachte. Es ging dann teilweise unter einigen Schwierigkeiten auf Nebenwegen über Gr. Justin Richtung Swinemünde. In normalen Zeiten hätte man diese Strecke in zwei Stunden bewältigt, doch für uns war das eine Fahrt von 8 Tagen und Nächten. Die Hauptstraßen waren für uns unmöglich, wir sahen schon, daß Cammin brannte, und zwar lag Cammin vor uns. Man kann es sich heute kaum vorstellen, daß man am Pferd stehend geschlafen hatte. In der waldigen Gegend haben wir dann neben dem Fahrweg ein kleines Feuerchen gemacht, und mittels Schnee als Wasser mit einem Huhn eine Suppe gekocht. Man stand ja oft 2 Std. dann konnte man wieder 200 mtr fahren und so war es möglich, daß wir uns eine warme Suppe machen konnten, denn es lag im März noch Schnee und die Nächte waren sehr kalt. Hühner hatte ich vorsorglich von Karnitz als Proviant mitgenommen, gerupft und ausgenommen hingen sie hinten an unserem Gummiwagen. Für unsere Pferde hatten wir natürlich genug Futter, nur mit dem Tränken war es schwierig. Oft fanden wir auch auf dem Weg nach Swinemünde verlassene Bauernhäuser, die Milchkannen zum Abholen am Weg, doch niemand holte sie mehr, so hatten wir auch oft jede Menge Milch. Auch dort konnte man dann das Wasser vom Brunnen für die Pferde holen.

Da die Gegend um Swinemünde doch etwas hügelig war, war das für unsere Wagen eigentlich auch eine Katastrophe, da wir keine Bremsen hatten. In unserem flachen Land waren ja Bremsen nicht unbedingt nötig, doch bei dieser Fahrt haben wir, wenn wir etwas abwärts fuhren, mit unseren Händen und einem Knüppel gebremst. Das hat oft sehr viel Kraft von uns gefordert, aber man war jung und die große Verantwortung versetzte in uns Berge.

Die Brücken in Swinemünde waren alle gesprengt worden, daher mußten alle Wagen über eine Ponton-Brücke, welche von der Wehrmacht erstellt worden war, damit die vielen Trecks nach Westen weiter fahren konnten. So erklärt sich auch die lange Fahrzeit. Mein Treck, d.h. alle 21 Wagen waren nicht mehr zusammen, mein Beamter war ja der letzte Wagen und war ca. 4 km von mir entfernt. Ich wollte natürlich mit meinen Leuten zusammen bleiben und bat daher zwei Hofgängerinnen (das sind junge unverheiratete Landarbeiterinnen) sie sollten mir Bescheid gebe, wenn alle da sind. Wir standen in einer Straße in Swinemünde und ich ging mit meinen Kindern und meiner Mutter in irgend eine offen stehende Wohnung und legte mich mit meinem Reiterzeug auf ein Bett und war sofort eingeschlafen, wie auch meine Mutter und die Kinder. Nach einiger Zeit wurde ich dann geweckt und man sagte mir, alle wären da. Ich ging dann runter mit meiner Familie, und erklärte den Leuten, daß es jetzt weiter geht. Das war jetzt das einzige Mal, daß meine Leute mit meiner Weisung nicht einverstanden waren. Man meuterte, ich hätte schlafen können etc. etc. Doch auf meinen Entschluß beharrte ich. Ich kann es nicht anders beschreiben, eine innere Stimme sagte mir, hier mußt du weg. So kamen wir dann bis Ahlbeck, dies liegt ein paar Kilometer von Swinemünde entfernt, als die Stadt dann von englischen Bombern systematisch vernichtet wurde. Das war der furchtbarste Fliegerangriff den Swinemünde erlebt hat. In der Straße, in welcher meine Wagen standen und wo ich auf meine restlichen Leute-Wagen gewartet hatte, hatten die englischen Bomber ganze Arbeit geleistet. Die nachfolgenden Trecks beschrieben mir den Ort des Grauens, in den Bäumen hingen Menschenteile und Pferdeteile, die Häuser brannten, es war einfach ein unvorstellbares Chaos. Wir waren ja nur bis Ahlbeck gekommen und lagen in den Dünen und den Wiesen. Ich dachte wirklich, nun sei alles zu Ende.

Nun ging es ruhiger weiter durch Mecklenburg über Rappenhagen, Greifswald, Griebenow, Tribsees, Redderstorf, Gr. Lüsewitz, Neuendorf, Althof, Dobersen, Neubuckow, Dalliendorf, Gamehl, Wismar, Ratzeburg bis Hohenweststedt in Schlesw.-Holstein.

In Mecklenburg hatten wir jeden Abend auf einem großen Gut eine Unterkunft für Menschen und Tiere. Natürlich war ein Stall mit Stroh für die Nacht schon ein Paradies. Für die alten Menschen und Kleinkinder versuchte ich aber immer eine Unterkunft in einem Raum der Wirtschaftgebäude zu bekommen.

Ich selbst habe mich immer in die Reihe meiner Leute eingereiht und mit ihnen die Nächte in den Ställen verbracht.

Es gab damals die sogenannten Treckleitstellen, dort mußte man sich melden und bekam dann weitere Anweisungen. Diese Organisation war einmalig, es wurde für Verpflegung und Unterkunft vorbildlich gesorgt. Für die Kinder gab es oft Bonbons, etwas was die Kinder in damaliger Zeit kaum kannten. Vor allem aber wurde für Vorspann gesorgt, d.h. die Güter oder die Bauern mußten Pferde zur Verfügung stellen, bis zur nächsten Unterkunft. Einige Pferde hatten bei mir doch schlapp gemacht, diese wurden dann eingetauscht. Ich hatte auch noch 12 hochtragende Stuten, welche ich dann dort lassen mußte.

In Mecklenburg wollte uns verschiedene Leitstellen immer irgendwo für die Dauer unterbringen. Wir sollten dann aufgeteilt werden. Doch das wollte ich nicht. Da es kaum möglich war 175 Menschen, Pferde und Wagen in einem Ort unterzubringen, konnte ich es erreichen, durch Verhandlungen mit den jeweiligen Ortsbauernführern und den Leitstellen, daß wir weiter trecken konnten.

Meine Leute wollten doch gerne mit mir und ich mit ihnen zusammen bleiben. Bemerken muß ich noch, ja es ist für heutige Verhältnisse kaum faßbar, daß mein Treck in Mecklenburg von engl. Tieffliegern beschossen wurde, weit und breit waren keine Militärkolonnen und keine milit. Ziele. Keinem war etwas passiert, wir lagen fast alle im Chausseegraben und schließlich waren wir dankbar, daß unsere treuen Pferde bei dieser Schießerei nicht durchgegangen sind, doch die große Erschöpfung der Pferde erklärt das wohl.

Auch hier hatten wir einem Schutzengel, welcher uns nicht verlassen hat.

Wir kamen dem Westen immer näher und es hatte sich eine gewisse Ruhe und Zufriedenheit eingestellt, der Russe war uns nicht auf den Füßen, auch fand man sich etwas mit der unabänderlichen Lage ab. So kamen wir dann nach Ratzeburg. Hier blieben wir ausnahmsweise zwei Nächte, sonst mußten wir ja bisher nach unserer Ankunft am Abend, jeden Morgen weiter fahren.

Nun zog ich dann weiter mit meinen Leuten, wir sollten eigentlich bis zur Eider trecken und sollten dort Quartier bekommen, doch als wir in Hohenweststedt waren, wurde uns gleich gesagt, daß wir dort bleiben sollten. Das ging auch ganz gut, denn einige Leute kamen nach Remmels und Jahrsdorf, das liegt nur 3 km von Hohenweststedt entfernt. Ich selbst blieb im Ort und bekam Unterkunft im Hotel Stadt Hamburg mit den Pferden und einem Russen u. Franzosen als Fahrer. Natürlich war es gut, daß ich dort einige Tage verweilte, denn es stellten sich Schwierigkeiten mit den Räumlichkeiten bei der Unterbringung ein.

Am nächsten Morgen war ich dann unterwegs und habe mir alle Quartiere angesehen. Natürlich war es für die Einheimischen nicht leicht, sich mit der Unterbringung der vielen Menschen in ihren Häusern abzufinden. Man muß auch verstehen, daß diese Menschen nicht viel vom Elend der Flüchtlingsströme gesehen haben. So muß man aber auch verstehen, daß die sogenannte „Gute Stube“ zuerst zum Tabu der Belegung gehörte. Doch nach Rücksprache auch mit den Behörden wurde dann doch zur Zufriedenheit aller eine Klärung geschaffen. Bei gutem Willen geht doch alles. Als ich dann vorerst von meinen Leuten Abschied nahm, fuhr ich dann mit zwei Wagen Richtung Plön und fand wie ich schon erwähnte Aufnahme bei meiner Cousine in Lehmkuhlen.